Organspende

September 2011 flüsterte mir Calvin drei Worte ins Ohr, die ich googlen solle - da mich dieses Thema ja unendlich beschäftigte. Ich gab diese drei Worte ein & landete sofort auf mehreren Seiten, eines jungen Mannes, der am 14.11.2010 ein neues Herz bekam. Es waren (sind bis heute) viele Interneteinträge vorhanden, Zeitungsberichte, ja, ganz groß beworben wird das neue Herz. Zufall? 14.11.2010??? Zufall, dass Calvin mir diese drei Worte sagte?

Blöd wie ich bin schrieb ich an eine E-Mail Adresse auf einer der vielen, vielen Seiten folgenden Text:

Sehr geehrter Herr  XXX,

mit Interesse verfolge ich Ihr Projekt, & finde es schön, dass Sie Sich für XXX so sehr engagieren.

Die einzige Frage, die sich mir stellt, was wäre wenn Angehörige des Spenders auf Ihre Seite stoßen, & Kontakt suchen?

Mein Name ist Yvonne, & ich habe meinen Sohn am 14.11.2010 durch einen Verkehrsunfall verloren. Es war der Wille meines Sohnes, (der im Übrigen ebenso engagiert war) seine Organe zu spenden. Ich weiß, dass sein Herz, Sonntagabend, an einen XX jährigen Mann aus XXX ging, dessen Krankengeschichte sich mit XYZ`s zu 99 % deckt.

Seit Wochen denke ich nach, & ich denke, dass XXX das Herz meines Sohnes in sich trägt.

Warum schreibe ich Ihnen dass? Ich hab keinerlei Erwartungshaltung, & dennoch berührt es mich sehr. Ich bin dankbar, dass es XXX so gut geht, egal wessen Herz er bekommen hat. Doch sollte es das Herz meines Jungen sein, dann darf XXX unendlich stolz sein.

www.mein-calvin.de

Ich weiß, dass ich Sie im Moment überfahren habe. & wenn er ein anderes Spenderherz in sich trägt, so wünsche ich Ihm alles Gute dieser Welt. & Sie bitte ich um Verzeihung für die Störung...

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Diese schreckliche Mail war der Auslöser für eine unglaubliche Reaktion. Sofort wurde mir mehrfach von anderer, offizieller Seite VERBOTEN jemals wieder in Kontakt zu treten, mir wurde unterstellt, ich würde jemandem auflauern &, was mich wirklich zum Lachen brachte: ROLAND KAISER wurde aufgrund meiner schrecklichen E-Mail ebenso angeschrieben, er solle bloß aufpassen, dass ihm beim nächsten Konzert keine Stalkerin auf die Bühne springe, weil er die Lunge ihres Kindes in sich trage. (Ich versteh bis heute nicht, was Roland Kaiser damit zu tun hat, aber ok, ich versteh so vieles nicht!) Desweitern wurde mir mitgeteilt, dass man mit Angehörigen von Organspendern keinerlei Kontakt wünsche.(& das alles, weil jemand ein Herz geschenkt bekommen hat!!!)

Ich, mein Umfeld, ALLE die davon wissen, sind absolut schockiert.

Aber gut, macht ruhig weiter Werbung für Organspende - am besten mit dem Herz meines Sohnes ... Undank ist der Welten Lohn, & es ist mir vollkommen egal, welches Herz dort schlägt (ist es nicht, weil ich es besser weiß) - aber für mich, ist es ein Zeichen dafür, dass ich es nie, nie, nie wieder unterschreiben würde.

Was ich alleine durch die Zustimmung der Organspende ertragen musste, in diesen 485 Tagen, ich könnte ein komplettes Buch füllen.

Ein anderer Organempfänger kam auf diese Seite, hat mich kontaktiert (audi audi liebes Projekt) ich habe ihn nicht gestalkt - nein, wir haben uns gegenseitig unsere Wunden balsamiert ... & gehen nun wieder eigene Wege. Er hat ein Organ von Calvin, & Gott Lob, er ist gesund. & es war für mich ein winzig kleines Trostpflaster, dass ein Mensch diese neue Chance zu schätzen weiß.

& ich finde es erbärmlich von Empfängern, oder Angehörigen der Empfänger wenn man schreibt: Der wär doch eh gestorben. Das ist eine sehr sehr pietätlose, respektlose & verletzende Aussage. Einige MItschüler haben nämlich nach dem Spender gefragt, es tat ihnen sehr leid. Dann die Antwort: Darüber müssen wir uns keine Gedanken machen, der wär eh gestorben." Manchmal vielleicht den Kopf einschalten, bevor man irgendwas sagt oder schreibt. Ja, Calvin wäre tatsächlich "eh gestorben" - aber DU ohne sein Organ vermutlich auch ...

Nun, dann dürfte man ja noch hoffen, dass wenigstens die offizielle Organisation hilfreich war. Ja, hoffen, das kann ja nicht schaden. (Die Hoffnung scheint wohl nur etwas für Narren zu sein!)

Wie gesagt, am 14.11.2010 wurden Calvins Organe entnommen (ich leide bis heute unter traumatisierenden Bildern, die sich in meinem Kopf zu diesem Thema abspielen!).Trotz großartiger Werbung: Es gab auch von dieser Organisation aus KEINEN Seelsorger, der uns in diesen schrecklichen Momenten zur Seite gestellt wurde. Niemand!!!

Monate später, als ich immer noch nicht erfahren habe, welche Organe meinem Sohn entnommen wurden, rief ich in der Uni an. Dort war man entsetzt, dass ich noch keine Post von der Organisation habe & gab mir eine Telefonnummer. Dort rief ich an, hinterließ meine Daten & "Oh, sowas ist uns ja noch nie passiert! Wir schicken Ihnen sofort die Unterlagen heraus!" Nach einigen Wochen, als ich immer noch keine Post bekommen hatte, rief ich erneut dort an. "Oh, sowas ist uns ja noch nie passiert, also, jetzt schicken wir ihnen wirklich die Unterlagen zu!" & tatsächlich bekam ich Post. leider muss man als Angehörige stets dort anrufen, um Hilfsangebote zu bekommen. Hilfsangebote wie: Wenn sie wollen, rufen sie an, dann können wir uns in einem Cafe treffen!" Nun, wenn es mir schlecht geht, habe ich nicht die Kraft dort anzurufen, wo ich von Anfang an so unsensibel behandelt wurde...

Nun, ich habe meinem Unmut in einem Forum Luft gemacht & SOFORT schrieb mich eine Dame aus dieser Organisation an, die aus einem anderen Bundesland war. Wir schrieben mehrfach miteinander, sie war entsetzt, dass niemand sich wirklich für mich zuständig fühlte & sie informierte mich, dass in Ulm bald ein Angehörigentreffen stattfinde. Am 24.11.2011. Ich sei recht herzlich eingeladen. Ich war überrascht, & dachte ernsthaft nach dort hinzugehen - bis meine Sachbearbeiterin sich einschaltete & mich direkt wieder auslud. Weil man dort erst nach 1 Jahr Trauer hindürfe. Hmmmm.... 14.11.2010 - 24.11.2011 ist zwar mehr als ein Jahr, aber gut, anscheinend nicht & ich blieb also Zuhause, weil ich ja dort nicht hindurfte. Dann telefonierte ich ein letztes Mal mit meiner Bezugsperson dieser Organisation, & bat sie um eine Information. Im November 2011. Nun, im Februar 2012 habe ich, wie immer, immernoch keine Antwort erhalten. Es ist traurig, wie man mit lebenden Menschen umgeht.

In diesem Sinne - Organspende NEIN DANKE !!!

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Ergänzend möchte ich noch einige mir sehr wichtige Punkte veröffentlichen, die verdeutlichen, was passierte & was es in mir auslöste.

Als klar war, dass wir Organe spenden werden, versuchte der Arzt mir zu erklären, dass das alles sich dann noch 1-2 Tage hinziehen könne. Ich lehnte strikt ab. Entweder heute oder gar nicht, denn mein Sohn Calvin, hatte das Recht zu sterben, wenn man ihn bereits für Tod erklärte. Der Gedanke daran, ihn wie ein Ersatzteillager noch zwei Tage künstlich am Leben zu halten war grausam für mich. Ich bin froh, dass ich wenigstens das durchsetzen konnte, in meinem Zustand. (Für alle die, die noch nie in einer solchen Situation waren: Ich war nicht mehr ich, ich stand meilenweit ausserhalb von mir selbst, zu fremd war das, was um mich geschah! Was allerdings für niemanden dort vor Ort ein Grund war, mir einen dieser überall beworbenen Seelsorger an die Seite zu stellen. ) Wir vereinbarten, dass Calvin nur dann Organe spenden wird, wenn das heute geschieht.Am 14.11.2010. Nicht am Montag & auch nicht am Dienstag, oder irgendwann, wenn die soweit waren.(Dies löste das erste Trauma in mir aus! Calvin künstlich am Leben zu halten, bis man Jemanden findet der die Ersatzteile gebrauchen kann.)

Ich verließ meinen Sohn um etwa 13.00 Uhr. Als die Polizei um 14.30 Bilder von ihm machte, waren bereits viele Dinge anders. Man hatte Calvin alles weggenommen, was ihn noch menschlich unterstützte. Die Halskrause war weg, & etliches mehr, auf das ich nicht näher eingehen möchte. Mein Sohn wurde dort gehalten, wie ein Stück Fleisch, dass auf seinen Schlachter wartet. Wieso musste man ihm die Halskrause wegnehmen? Wieso gönnte man meinem Kind nicht das letzte bisschen Menschlichkeit? Nein, auf den Bildern der Polizei ist ganz klar zu sehen, dass Calvin ab dem Moment als ich ging, nur noch ein Ersatzteillager für den legalen Organhandel war. Er hatte seine Position als Mensch verloren. SO ETWAS DARF NICHT SEIN!!! (Trauma 2 der Organspende!) Ich habe Euch vertraut!

Niemand klärte mich auf, dass ich meinen Sohn nach der OP noch verabschieden dürfe. Niemand sagte, dass ich mein Kind nochmals sehen dürfe. NIEMAND! (Trauma 3 - ich habe meinen Sohn niemals Tod gesehen!)

Monate später, als sich endlich jemand von der Organisation für mich zuständig fühlte, telefonierte ich mit der Dame & sagte ihr, wie sehr ich darunter leide, dass ich nicht bei meinem Sohn sein konnte, als dieser starb, dass ich ihn alleine gelassen habe. ( Trauma Nr. 4 - ich war nicht bei meinem Kind als er starb!) Die nette Dame sagte mir: "Och Frau S. Ihr Sohn war ja nicht alleine - ICH war ja bei ihm!" (Trauma Nr. 5 ) Wie kann man so einen Satz einer verwaisten Mutter sagen, die darunter leidet nicht bei ihrem Kind gewesen zu sein? Unsensibler geht es nicht.

Generell hielt ich die Organspende für eine großartige Entwicklung. Doch leider bleibt die Menschlichkeit auf der Strecke - ich mache mir die größten Vorwürfe. Ich habe zugelassen, dass man Calvin wie ein Stück Ware betrachtet & behandelt. & das ist ganz bestimmt nicht im Sinne dieser Entwicklung.

Ich glaub das war es für den Moment --- ich fühle mich soo leer

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Ich bin nicht alleine - das darf niemand denken.

Es gibt noch viel mehr, z.b. eine komplette Organisation HIER

HIER berichten andere Angehörige

 

 

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Hallo Yvonne!

Komme immer wieder auf Deine Homepage, auch in der Hoffnung wieder neue Bilder von euerem süßen Sid zu finden. Aber leider......
So, warum ich Dir nun schreibe....
Ich habe Deine Zeilen zum Thema Organspende gelesen, und bin dabei fast vom Stuhl gefallen.
Gerade in dieser Zeit, wo das Thema Organspende so offen beworben und besprochen wird, dachte ich mir, das das alles nicht wahr sein darf.
Kein Mensch kann sich vorstellen, welch eine schwierige Entscheidung, gerade in solchen Situationen, dies ist.
Und dann sowas.
Also ich würde sagen, das genau dies an die Öffentlichkeit gehört, nicht nur in eine Homepage.
Das alles ist an Frechheit und Unverschämtheit nicht zu überbieten.
Ich zolle Dir meinen größten Respekt, das Du in dieser Situation genau diese Entscheidung treffen konntest, und somit einigen Menschen ein weiteres Leben ermöglichen konntest.
Wie ein Empfänger sagen kann, der wäre sowieso gestorben, ist mir unbegreiflich, und unterstreicht nur die totale Dummheit einiger Menschen, die es leider nun auch mal gibt. Man kann nur hoffen, das sie nicht in genau diese Situation kommen. Und dann vielleicht jemand kommt, der sagt, der stirbt ja eh..........
Einladen, Ausladen,...... ich glaub das alles nicht.
Dagegen muß man etwas unternehmen, und vorallem gehört es öffentlich bekannt gegeben. Ich flippe schier aus, wie frech manche Menschen sind.

Ich kann sehr gut verstehen, wie verletzt Du bist.
Dennoch kannst Du stolz auf Dich sein, und es finden bestimmt mehr Menschen unmöglich und begehren darüber auf, als Menschen die das richtig finden.
Darum die Öffentlichkeit, das gehört ins Fernsehen......
Diese Menschen rechnen nämlich damit, das man genau das nicht tut, und hoffen, das damit ihre Unfähigkeit und unprofessionelle Art zu arbeiten, gedeckelt wird........

EINE FRECHHEIT..................


Schicke Dir viel Kraft, viele gute Gedanken, und Kopf hoch..... aber lass es nicht so stehen.....

S.

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Liebe Yvonne

ich finds echt bedauerlich und respektlos wie man in der heutigen Zeit mit dem Thema Organspende umgeht . Keiner fühlt sich für Dich zuständig. Nein im Gegenteil anstatt Hilfe bekommst du miese Anschuldigungen, dass Du jemanden stalken würdest. Oder dumme Sprüche wie "der wär ja eh gestorben". Calvin und Du habt euch dafür entschieden, dass Calle seine Organe spendet damit wenigstens andere dafür weiter leben können. Ich finds klasse was Du trotz dem mega schweren Verlust von Calvin noch stehst . Und das obwohl du immer und von allen Seiten einen Schlag bekommst. Du solltest Hilfe und Anerkennung bekommen und keine so sinnlose doofen Mails die nur respektlos sind. Ich war immer der Meinung das wenn man sich dafür entscheidet Organe zuspenden das man dann auch Unterstützung und Hilfe bekommt aber ich bekomme es life mit, dass es ganz das Gegenteil ist.  Ich hab selber 5 Kinder und ich weiß eins sicher . Meine Kinder und auch ich werden sicher keine Organe spenden.
Drück dich ganz feste

J.

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Liebe Yvonne,


Als ich diese Woche dann noch in der Zeitung etwas über Organspende gelesen habe, was für eine tolle Sache das doch sei, wenn ein "toter Mensch" einem anderen Menschen das Leben retten kann, ist mir in anbetracht deiner Situation schlecht geworden!

Es wird nur berichtet, wie toll es doch für die geretteten Menschen sei, aber mal ganz ehrlich: Müsste man sich nicht eher um die Menschen kümmern, die einen Tot verkraften müssen?

Liebe Yvonne, jedes Mal, wenn ich dich sehe, bin ich stolz darauf, wie du das alles meisterst und dass du dich hiermit zur Wehr setzt, jedoch bricht es mir fast das herz, wenn ich sehe, wie du leidest.

Nach Calvin´s Tod haben wir alle gelitten und da du gefühlsmäßig für mich zur Familie gehörst, tut es weh, zu hören und zu sehen, was die Menschen im Krankenhaus und der Organspende-Organisation mit dir machen.

Es is eine unverschämtheit, sich einen trauernden Menschen nicht von seinem Kind verabschieden zu lassen, die Maschinen einfach abzustellen- besser gesagt, die Schläuche wie bei einem Stück Fleisch herauszuziehen, ohne zu bedenken, dass dahinter noch ein "lebendiger" Mensch steht und auch eine Familie.

Ein Mensch, auch wenn er so oder so gestorben wäre, hat es nicht verdient, als Ersatzteillager angesehen zu werden. Es ist immer noch ein Mensch, der das Recht darauf hat, bis zu seinem Begräbnis mit Würde behandelt zu werden.

Liebe Organspende-Organisation,
ich habe euch ein wenig mehr Menschlichkeit und Einfühlungsvermögen zugetraut.
Könnt ihr es mit euerm Gewissen vereinbaren, dass eine Mutter nicht nur primär am Tod ihres Kindes zerbricht, sondern sekundär auch noch daran, was sie sich danach dank euch alles antun muss?

Ich war bisher sehr für Organspende, aber ich werde dem NICHT zustimmen.

Klar ist es eine tolle Sache, wenn man ein anderes Menschenleben rettet, aber wenn ich daran denke, dass meine Familie dann im endeffekt daran kaputt geht, weil sie sich der Unmenschlichkeit aussetzen muss, sage ich NEIN!!!

NEIN zur Organspende!!!!

LG Judith

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oh mann,ich hab es grad gelesen-das ist ja totaler Horror! und ich habe SOFORT meinen Organspendeausweis durch den Aktenvernichter gejagt.umarme dich ganz lieb ♥

A.B.

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ich bin total entsetzt :-( es tut mir so leid wie man mit dir umgeht :-(

K.A.

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Das ist wirklich nicht zu fassen, was du,Yvonne, erleben mußtest und mußt! Auch ich habe schon jahrelang einen Organspenderausweis, nun muß ich aber gewaltig darüber nachdenken,ob ich das noch will!

C.L.

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Unglaublich, ich bin entsetzt. Yvonne ich fühle mit dir.

A.B.

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Das ist wirklich nicht zu fassen, was du,Yvonne, erleben mußtest und mußt! Auch ich habe schon jahrelang einen Organspenderausweis, nun muß ich aber gewaltig darüber nachdenken,ob ich das noch will!Ich habe mir jetzt wirklich lange, lange Zeit gelassen, um auf dieses Thema einzugehen -öffentlich.